»In anderen Räumen. Environments« von Künstlerinnen 1956–1976

Diese Ausstellung »In anderen Räumen | HDK« war in aller Munde – und wenn man nicht dort war, hat man sich entweder als völliger Kunstbanause oder Kunstverweigerer geoutet. Da ich weder zu der einen noch der anderen Kategorie zählen wollte, habe ich mich 10 Tage vor Ende der Ausstellung doch noch schnell entschlossen, besagter Ausstellung einen Besuch abzustatten. Das Haus der Kunst ist letztendlich immer einen Besuch wert, und die Ausstellungen dort sind hochkarätig.

Ein Käffchen in der »Goldenen Bar«

Ich schlage gegen 15:20 Uhr dort auf, und ein Schild informiert mich darüber, dass der nächste Zeitslot erst um 16 Uhr zu buchen ist. Ok, ist ja kein Problem, noch einen Espresso in der »Goldenen Bar« zu trinken. Die gefällt mir ohnehin besonders gut. Noch denke ich mir rein gar nichts bei diesem Organisationsablauf.

Worum geht es jetzt bei dieser Ausstellung?

Sie soll an die Pionierinnen der Immersion erinnern. Aha, ein Wort, ohne das im Moment fast gar nichts mehr auskommt.

Immersion (fachsprachlich für „Eintauchen“) beschreibt den durch eine Umgebung der Virtuellen Realität (VR) hervorgerufenen Effekt, der das Bewusstsein des Nutzers, illusorischen Stimuli ausgesetzt zu sein, so weit in den Hintergrund treten lässt, dass die virtuelle Umgebung als real empfunden wird. Ist der Grad an Immersion besonders hoch, wird auch von „Präsenz“ gesprochen.

Quelle: Wikipedia

Ähh – ?? Also, ich bringe es mal auf den Punkt. Es ist in etwa so, wie wenn ich hier einen Blogartikel schreibe über einen Urlaub oder ein Urlaubserlebnis und mich dabei fühle, als wenn ich gerade dort wäre und das alles noch einmal erleben würde. Dabei vergesse ich völlig, dass ich an meinem Schreibtisch sitze und mein Mann eigentlich Essen haben möchte. Denn meinen Hunger habe ich auch vergessen.

Fühlen Sie sich wohl

Bevor man in die Werke eintaucht, rät ein Schild: »Fühlen Sie sich wohl«. Man würde neue Erfahrungen machen. 12 Kunstwerke seien es, in die man eintauchen könne. Und zwar sitzend, liegend, entspannend, in sich hinein hörend, beobachtend und man könne zu einer Katze werden – was das auch immer bedeuten mag. Und man solle seine Erfahrungen teilen – was ich hiermit tue.

Wenige Minuten vor 16 Uhr bin ich am Einlass zu der Sonderausstellung und reihe mich in die Schlange ein. Mein Blick fällt auf eine lange Reihe geparkter Kinderwägen, und ich denke mir nichts weiter dabei.

Der erste Raum ist mit vielen witzigen Bänken ausgestattet. Dort kann man sich hinsetzen und seine Schuhe ausziehen, weil die begehbaren Kunstwerke nicht von schmutzigen Schuhen verunreinigt werden sollen. Leuchtet ein – aber was ist mit Fußschweiß und -pilz?? Ok, sind wir mal nicht kleinlich. Das wird schon gut gehen. Es ist irgendwie ziemlich wuselig um mich herum.

»Spectral Passage« von Aleksandra Kasuba

Ich betrete den ersten Raum – er ist riesig, und es sind leuchtende Stoffzelte aufgebaut. Es ist die »Spectral Passage« von Aleksandra Kasuba, die hier rekonstruiert wurde. Da viele dieser immersiven Environments nur von begrenzter Dauer sind und nach Ausstellungen abgebaut wurden, musste im Vorfeld gründlich recherchiert werden, um eben genau dieses Kunstwerk nachbauen zu können. Ein Teil der Künstlerinnen lebt nicht mehr, sodass diese auch keine Hilfe waren. Es wurden nach Plänen gesucht, man hat z. B. auch versucht, Rechnungen über bestellte Materialien zu finden, und es wurde sogar eine Wohnung, die früher eine Galerie war, ausgemessen, um das richtige Größenverhältnis darstellen zu können. Also alles ziemlich aufwändig. Da Frauen in der Vergangenheit im Bereich des »Environments« nicht sehr repräsentativ vertreten waren, versuchte man diesen Frauen zu der ihnen gebührenden Ehre zu verhelfen.

Die lebenden Künstlerinnen hingegen durften Veränderungen und Verbesserungen vornehmen und hatten somit die Möglichkeit, das Werk noch ein bisschen aufzupeppen, was sie vielleicht schon immer im Kopf hatten, jedoch aufgrund fehlender finanzieller Mittel bei früheren Installationen nicht umsetzen konnten. Es war also auch eine Chance, das Werk neu zu präsentieren.

Die Ausstellung umfasst maßstabsgetreue Rekonstruktionen und die Dokumentation von zwölf Schlüsselwerken der Künstlerinnen Judy Chicago (geb. 1939), Lygia Clark (1920–1988), Laura Grisi (1939–2017), Aleksandra Kasuba (1923–2019), Lea Lublin (1929–1999), Marta Minujín (geb. 1943), Tania Mouraud (geb. 1942), Maria Nordman (geb. 1943), Nanda Vigo (1936–2020), Faith Wilding (geb. 1943) und Tsuruko Yamazaki (1925–2019).

In anderen Räumen | HDK

Ich schreite also ehrfürchtig hinein in das erste Kunstwerk. Es sind diese Stoffzelte, deren Wände aus einem Gewebe wie Nylonstrümpfe sind und alles ist in Farbe getaucht. Man muss durch enge Durchgänge in geduckter Haltung schlüpfen, um von dem einen in das nächste Zelt zu gelangen. Irgendwie schon lustig. Was jetzt weniger lustig war, waren die unzähligen Kinder, die sich in dem Kunstwerk wie auf einem Abenteuerspielplatz bewegten. Für die Kleinen waren die Durchgänge groß, sozusagen ein riesiger »Ikea-Kriechtunnel«, und jauchzend rannten sie hin und her und gegen die Wände, und fast erwartete ich, dass sie an den Wänden hochliefen. Hinten raus, dann schnell nach vorne und tobend wieder hinein. Hei, was hatten die Spaß. Die Mamas liefen mit dem Handy stets hintennach und fotografierten, was das Zeug hielt. Sie gaben Regieanweisungen, wo das Kind hingehen soll, wo es stehen bleiben soll und wo es sich »volle Kanne« auf den Boden werfen soll. Erspähte jedoch eine Mami eine fremde Person, die ebenfalls ein Handy in Fotografierposition in der Hand hielt (also so jemanden wie mich), stürzten sie sich auf das Kindlein und versuchten, es umzudrehen oder bedeckten mit beiden Händen das Gesicht.

Meine Gedanken schweifen ab, und ich überlege, was es wohl mit den Kindern macht, die ständig und überall von der Mama fotografiert werden, aber vor fremden Menschen umgedreht oder abgedeckt werden.

Ich gehe weiter zum nächsten Highlight der Ausstellung zum »Feather room«. Dort liegen 150 kg!! Federn kniehoch auf dem Boden. (Ganz schön schwer für Federn … 😉) Viele Menschen wälzen sich darin und werfen die Federn hoch, um sie auf sich niederrieseln zu lassen. Sie haben alle offensichtlich viel Spaß. Es ist jedoch so staubig, und der Gedanke an Niesattacken und Allergieausbrüche liegt nahe. Es sind auch einige Personen mit Mundschutz dort. Ich traue mich gar nicht weiter hinein, nicht dass ich noch auf eines der unter den Federn vergrabenen Kinder trete. Das hätte viel Geschrei bei Mama und Kind gegeben.

Ich wende mich ab und bedauere sehr, dass der Spirit, den die Kuratoren der Ausstellung beabsichtigt hatten, so gar nicht auf mich wirkt. Anfänglich wunderte ich mich über den verunreinigten Boden in der gesamten Ausstellung, dies erklärte sich jedoch nach dem Besuch im Federraum. Die Besucher schütteln im Laufe des Besuches überall noch Federn ab, und diese liegen dann eben auf dem Boden rum.

»Penetración/Expulsión« von Lea Lublin

Der Plastikschlauch mit den aufgeblasenen Plastikbällen von Lea Lublin (1929-1999) mit dem Namen Penetración/Expulsión ist ebenfalls sehr begehrt und darf nur von max. 6 Personen gleichzeitig betreten werden. Ich stehe brav an und höre auf die Erklärungen, die die Mamis ihren Jüngsten geben, wie toll das jetzt gleich wird in dem schönen Plastikschlauch. Und ob sie denn selber durchlaufen möchten, oder ob die Mami sie tragen soll, werden die Kinder gefragt.

Es handelt sich um die Darstellung eines Geburtskanals, und man muss sich schon anstrengen, also wie im richtigen Leben, um sich zwischen den schließenden Gummiwülsten durchzuzwängen, damit man hinein und später auch wieder hinauskommt. Ich laufe durch und warte auf das versprochene »Wohlfühl-Gefühl«, welches sich so gar nicht einstellen will.

»Ambiente cronotopico vivibile« von Nanda Vigo

Der verspiegelte Kubus »Ambiente cronotopico vivibile« der italienischen Architektin und Designerin Nanda Vigo ist natürlich der Kindermagnet schlechthin, kann man hier zwei Schalter bedienen, die den Kubus in schnellem Wechsel in unterschiedliche Lichtsituationen tauchen. Die Kinder rennen darin herum und hauen auf die verspiegelten Wände ein und haben dabei ihre wahre Freude. Ein Papa ermahnt, das nicht zu tun, weil da könnte ja etwas kaputt gehen und das wollen wir doch nicht … (oder doch??) Ich wollte noch ein Foto machen aber so schnell wie das Licht wechselte war meine Kamera nicht. Flinke Kinderhändchen waren da eben am Werk.

Die weniger attraktiven Environments sind auch weniger frequentiert, aber auch nicht so spektakulär.

Ich versuche nochmal einen Rundgang zu starten – es wird nicht besser, und etwas unbefriedigt verlasse ich die Ausstellung.

Vielleicht müsste man nochmal einen Versuch starten, am Montag früh oder zu einer anderen ungewöhnlichen Tageszeit. Ich fand es sehr schade, dass ich für einen Abenteuerspielplatz auch noch 15 € Eintritt bezahlen musste.

Das nächste Mal wird alles besser ….

Haus der Kunst
Prinzregentenstraße 1
80538 München

Öffnungszeiten
Mo | Mi | Fr | Sa | So 10—20 Uhr
Do 10—22 Uhr
Di geschlossen

Die Ausstellung ist noch bis 10. März 2024 zu besuchen.
Onlinetickets sind ausgebucht, man bekommt aber an der Kasse immer noch Tickets.

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